Unter dem Motto „Macht oder Ohnmacht – Europas Rolle in einer neuen Weltordnung“ fand von 10. bis 12. Juli 2026 das traditionsreiche Europa-Forum Neumarkt bei traumhaftem Wetter in der Marktgemeinde Neumarkt in der Steiermark inmitten der malerischen Landschaft des Naturparks Zirbitzkogel-Grebenzen statt. Mehr als 150 Gäste kamen im Laufe des Wochenendes zusammen, um über die Zukunft Europas zu diskutieren. Eines wurde dabei schnell deutlich: Europa braucht nicht nur unsere Herzen, sondern auch unsere Ideen, um die Herausforderungen einer zunehmend fragmentierten Welt zu meistern.
Tag 1: Die Europaburg ruft
Am Freitag trafen auf der Europaburg Forchtenstein altbekannte Gesichter und neue Teilnehmer:innen aus Österreich und darüber hinaus ein – unterschiedlich in Alter und Hintergrund, aber allesamt überzeugte Europäer:innen. Traditionell begann das Forum mit einem gemeinsamen Abendessen, bevor sich alle im Audimax versammelten. Erstmals eröffnete Katharina Kosjak als neue Vorsitzende der Europäischen Föderalistischen Bewegung (EFB) Steiermark das Europa-Forum. Gemeinsam mit dem neuen Vorstand hat sie die Organisation der Veranstaltung übernommen. Zudem nutzte sie die Gelegenheit, das neue Team vorzustellen und sich bei allen Vorstandsmitgliedern für ihr ehrenamtliches Engagement zu bedanken.
Anschließend startete das erste Panel „Geopolitik und Technologie: Wie sichert Europa seine Zukunft?“, moderiert von Johannes Langer (EFB Wien). Es diskutierten Helmut Leopold, Leiter des Center for Digital Safety & Security am AIT, sowie Nikolaus Rottenberger, Leiter der Abteilung Militärdiplomatie im BMLV. Während Leopold Themen wie Künstliche Intelligenz, Cybersicherheit und Datensouveränität in den Mittelpunkt rückte, brachte Rottenberger seine Expertise zur strategischen Autonomie Europas ein. Gleich zu Beginn wurde deutlich, dass Sicherheit weit mehr umfasst als klassische Verteidigung. Energieunabhängigkeit, geopolitische Handlungsfähigkeit und gesellschaftliche Resilienz sind ebenso entscheidend. Rottenberger erinnerte sich daran, bereits 2011 beim Europa-Forum gewesen zu sein – „vor Brexit, vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und vor Trump“. Mit Blick auf die Entwicklungen seit Mitte der 2010er-Jahre stellte er fest: „Wir haben in Europa geschlafen.“ Leopold ergänzte optimistisch: „Wir sind in den letzten zwei, drei Jahren aufgewacht – und wir haben noch nichts verloren.“ Das Gebot der Stunde sei, so Rottenberger: „Don’t talk the talk, walk the walk!“
Die Fragerunde wurde schließlich überraschend von einem Feueralarm unterbrochen – eine Premiere für das Europa-Forum Neumarkt. Geordnet verließen die Gäste das Burggelände und begaben sich zum Sammelplatz. Wenig später stellte sich der Alarm als Fehlalarm heraus. Die Gespräche wurden anschließend bei dem einen oder anderen Getränk an der Bar im Innenhof fortgesetzt. Ganz im Sinne der Eröffnungsworte der EFB-Vorsitzenden nutzten die Teilnehmer:innen die Gelegenheit, miteinander sowie mit den geladenen Expert:innen aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft ins Gespräch zu kommen.
Tag 2: Panels, Panels, Panels!
Am Samstag fanden im Audimax drei hochkarätig besetzte Diskussionsrunden statt. Den Auftakt machte das Panel „Werte schaffen Wert: Nachhaltigkeit als europäisches Erfolgsmodell“ moderiert von Manuel Pirker (wEUnite – Junge Europäische Föderalisten in Österreich). Marion Unegg, Global Sustainability Coordinator bei der AVL List GmbH, und Matthias Salomon, Ökonom am Wegener Center for Climate and Global Change der Universität Graz, beleuchteten das Thema „Nachhaltigkeit“ aus unternehmerischer und wissenschaftlicher Perspektive. Statt zu fragen, was Nachhaltigkeit kostet, sollten wir uns vielmehr fragen, welche Kosten entstehen, wenn wir unsere selbst gesteckten Klimaziele verfehlen und untätig bleiben – darin waren sich beide einig. Unegg betonte, dass die AVL gezielt „Green Skills“ fördert und Nachhaltigkeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette berücksichtigt. Salomon verwies auf den sogenannten „WAIT-Effekt“ im Klimabudget und machte deutlich, dass Europa im Klimaschutz keineswegs „allein auf weiter Flur“ stehe. In China fungiere die öffentliche Hand als Hebel für Investitionen in den Greentech-Sektor und trage damit maßgeblich zur starken Position des Landes im Bereich erneuerbarer Technologien bei.
Regulierung, Rechtssicherheit und Energieunabhängigkeit zogen sich wie ein roter Faden vom ersten in das zweite Panel „Wohlstand oder Abstieg? Europas Antwort auf die globale Konkurrenz“, moderiert von Sabine Radl (Europäische Bewegung Österreich). Am Podium diskutierten Madlen Stottmeyer, Wirtschaftsjournalistin bei Die Presse, Michael Böheim, Ökonom am WIFO, sowie Mike Resnicek, CEO/CFO der Zellstoff Pöls AG. Für Österreich als kleines Exportland seien der EU-Beitritt und der Zugang zum Binnenmarkt – dem größten gemeinsamen Wirtschaftsraum der Welt – ein entscheidender Hebel gewesen. Gleichzeitig müsse Europa anerkennen, dass es heute nicht mehr der wachstumsstärkste Wirtschaftsraum sei. Österreich sei im aktuellen IMD-Wettbewerbsranking erneut zurückgefallen, verfüge jedoch weiterhin über hohe Lebensqualität, qualifizierte Fachkräfte und starke Forschung. Stottmeyer sprach sich für einen „Preiszettel für das Lebensmodell Europa“ aus: Produkte, die nicht nach europäischen Standards hergestellt werden, sollten entsprechend höher besteuert werden. Böheim plädierte nachdrücklich für eine Kapital-, Verteidigungs- und Energieunion. Er griff die zuvor von Resnicek geäußerte Zuversicht auf und appellierte daran, den Blick stärker auf das zu richten, was in Europa gut funktioniert – untermalt mit einer Songempfehlung: „Immer wieder geht die Sonne auf“ von Udo Jürgens.
Nach der Mittagspause folgte das dritte und letzte Panel des Europa-Forums Neumarkt mit dem Titel „Herausforderungen für demokratische Systeme in Europa“, moderiert von Lisa Kaum (EFB Oberösterreich). Es diskutierten Julia Partheymüller, Senior Scientist am Institut für Staatswissenschaft der Universität Wien, und Lukas Bittner, Referatsleiter in der Abteilung Militärstrategie des BMLV. Im Mittelpunkt standen der Umgang mit Populismus, Desinformation und Angriffen auf den Rechtsstaat sowie die Frage, wie Demokratien in Europa konkret unter Druck geraten. Partheymüller betonte, dass der Abbau demokratischer Strukturen heute häufig von demokratisch gewählten Vertreter:innen selbst ausgehe. Gerichte und der Rechtsstaat seien die „first line of defense“. Die letzte Verteidigungslinie müsse jedoch die Zivilgesellschaft bilden, wie sich etwa auch in Ungarn und Polen gezeigt habe. Bittner verwies darauf, dass wir uns derzeit in einem Prozess der „Resymmetrierung“ befänden und Demokratien tatsächlich unter Druck stünden. Gleichzeitig liege ihre Stärke gegenüber Autokratien darin, „dass wir über Probleme reden“. Das gemeinsame Fazit: Demokratie sind wir alle – und sie lebt vom Mitmachen. Deshalb lohnt es sich, für sie einzustehen.
Abendprogramm: Das Get-together
Am Samstagabend luden die Veranstalter die Forumsgäste sowie interessierte Gemeindebewohner:innen zum öffentlichen „Get-together“ in den Raiffeisensaal der Marktgemeinde Neumarkt in der Steiermark ein. In ihren Eröffnungsworten spannte die neue EFB-Vorsitzende Katharina Kosjak den Bogen von den gegenwärtigen Herausforderungen Europas zur Entstehung des Manifests von Ventotene während der Schrecken des Zweiten Weltkriegs. Bis heute zählt es für zahlreiche europäische Föderalist:innen zur prägenden Lektüre.
Grußworte richteten außerdem die JEF-Steiermark-Vorsitzende Clarissa Trummer, Bürgermeister Josef Maier, Landeshauptmann-Stellvertreterin Manuela Khom, EYFON-Präsident Christoph Leitl sowie JEF-Europe-Vorsitzender Moritz Hergel an die Gäste. Noch vor den Impulsvorträgen wurde „unser“ Markus Seunig (wEUnite, JEF & EFB Steiermark) für sein langjähriges und vielseitiges Europa-Engagement geehrt. Auf Initiative des Landesvorstands der Jungen Europäischen Föderalisten Steiermark sprach Landeshauptmann-Stellvertreterin Manuela Khom ihren Dank und ihre Anerkennung aus und überreichte ihm eine Urkunde des Landes Steiermark.
Mit Peter Kaiser, Landeshauptmann a. D., und Werner Kogler, Nationalratsabgeordneter und Vizekanzler a. D., konnte das Europa-Forum heuer gleich zwei hochkarätige Festredner begrüßen. Peter Kaiser nutzte sogar seinen 100. Tag im Ruhestand, um diesen beim Europa-Forum Neumarkt zu verbringen. Die Entscheidung, den Blick nicht zurück, sondern nach vorne zu richten, fiel ihm nach eigenen Worten leicht. In seinem Impulsvortrag bezeichnete er die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, die Klimakrise, geopolitische Spannungen sowie die demografische Entwicklung als zentrale Herausforderungen Europas. Um diesen zu begegnen, müsse die Europäische Union ihre internen Entscheidungsprozesse reformieren – weg vom Einstimmigkeitsprinzip, hin zu Mehrheitsentscheidungen. Diese Forderung wurde vom Publikum mit Applaus aufgenommen.
Werner Kogler sprach sich in seinem Impulsvortrag klar für eine verstärkte Solidarität mit der Ukraine aus und bekräftigte die zuvor von JEF-Europe-Präsident Moritz Hergel geäußerte Forderung, Europa müsse die Ukraine – auch militärisch – stärker unterstützen. Mit Blick auf die Neutralitätsdebatte in Österreich stellte Kogler fest: „Es gibt keine Neutralität gegenüber Kriegsverbrechen!“ Gleichzeitig plädierte er für eine gemeinsame europäische Beschaffung im Bereich Sicherheit und Verteidigung. Darüber hinaus sprach er sich für eine „Scharfstellung“ des Digital Services Act (DSA) aus und empfahl – ebenso wie einige Stunden zuvor Matthias Salomon – die Lektüre des Draghi-Berichts zur Zukunft der Wettbewerbsfähigkeit der Europäischen Union. Seinen Impulsvortrag schloss Kogler mit einem Zitat von Jean-Paul Sartre: „Vielleicht gibt es schönere Zeiten; aber diese ist die unsere.“ Daran anknüpfend betonte er: „Zukunft ist das, was wir daraus machen, und Zukunft braucht Mut.“
Im Anschluss erhoben sich die Gäste zur Europahymne. Für die musikalische Umrahmung sorgten Rebecca Anouche (Gesang) und Manu Mazé (Akkordeon). Ein weiterer Dank gilt Katharina Kosjak (EFB Steiermark) und Paul Obenaus (JEF Steiermark), die durch den Abend führten. Der gemütliche Ausklang verlagerte sich anschließend vom Raiffeisensaal zurück auf die Europaburg Forchtenstein. Die letzten Lichter auf der Burg gingen erst aus, nachdem das EM-Spiel Norwegen gegen England beendet war: Statt im Innenhof fanden sich zahlreiche Teilnehmer:innen heuer zum gemeinsamen Public Viewing im Audimax ein.
Tag 3: Exkursion zum Schloss Lind
Für die jüngeren Teilnehmer:innen stand am Sonntag wieder ein abwechslungsreiches Workshop- und Exkursionsprogramm auf dem Plan. Im „ANDEREN heimatmuseum schloss lind“ begaben sie sich auf Entdeckungstour und ordneten im Rahmen verschiedener Challenges ihre Eindrücke der vergangenen Tage. Gleichzeitig setzten sie sich damit auseinander, wie sich die Ideen und Impulse des Europa-Forums konkret in die Praxis umsetzen lassen.
Zuvor gewährte Autor und Theatermacher Andreas Staudinger Einblicke in die bewegte Geschichte des Schlosses Lind, das heute als Zentrum für Kunst und Erinnerungskultur dient. Abgerundet wurde der Vormittag durch einen Workshop mit Moritz Hergel (JEF Europe), bevor es zum gemeinsamen Mittagessen zurück auf die Europaburg Forchtenstein ging. Im Anschluss verabschiedeten sich die Teilnehmer:innen voneinander und traten die Heimreise an.
Wir danken allen Referent:innen, Teilnehmer:innen, Sponsor:innen sowie den ehrenamtlichen Organisator:innen für ein weiteres gelungenes Europa-Forum. Mit großer Vorfreude blicken wir bereits auf ein Wiedersehen beim Europa-Forum Neumarkt 2027.
Bericht von Christina Praßl | Foto von Daniel Binder
This project is co-funded by Erasmus+ and Land Steiermark.
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